Der Gründungsmythos der Türkei beruht auf einem Völkermord

Der Gründungsmythos der modernen Türkei als Nationalstaat beruht auf einem Völkermord

Rolf Hosfeld im Gespräch mit dem türkischen Historiker Taner Akcam 1996 [1]

Akcam, 1953 in Ardahan geboren, war in den 90er Jahren Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Er lehrt und forscht heute am Strassler Family Center for Holocaust and Genocide Studies der Clarke University in Massachusetts/USA

Rolf Hosfeld: Taner Akcam, Sie haben als erster türkischer Historiker ein kritisches Buch [2] über den armenischen Völkermord von 1915 geschrieben.

Taner Akcam: Das stimmt. Es gibt viele Bücher von anderen türkischen Historikern über diesen Vorfall, aber die basieren auf der Annahme, daß es sich hier nur um eine armenische Lüge handelt.

Rolf Hosfeld: Eine Ihrer provozierendsten Thesen lautet daß der Gründungsmythos der modernen Türkei als Nationalstaat auf einem Völkermord beruht.

Taner Akcam: Im Unterschied zur heutigen offiziellen Türkei war das für die Gründer der Republik eine klare Sache. Ich habe die ersten Parlamentssitzungen in Ankara ab 1920 ausführlich studiert. Einige Redner sagen da ganz offen: “Wir haben das gemacht, aus dem einfachen Grund, weil wir damit die Grundlagen dafür geschaffen haben, eine Republik zu gründen.” Fast wörtlich: “Wir haben es sogar hingenommen, daß uns andere Völker als Mörder bezeichnen.“

Rolf Hosfeld: Davon war sehr schnell nicht mehr die Rede.

Taner Akcam: Weil es eine ganz enge Verbindung zwischen dem Völkermord an den Armeniern und der Gründung der türkischen Republik gibt. Auf zwei Ebenen kann man das nachweisen. Erstens auf der Ebene der politischen Eliten: Wenn man sich die führenden Kader der kemalistischen Befreiungsbewegung ansieht, wird man sehen, daß diese Befreiungsbewegung hauptsächlich von der Partei organisiert wurde, die auch die Massenmorde organisiert hat, nämlich Ittihad ve Teraki (“Einheit und Fortschritt“) [3]. Der sogenannte türkische Befreiungskrieg war eine Fortsetzung dieser Partei. Es gibt sogar Belege darüber, daß diese Partei schon während des Ersten Weltkriegs Pläne ausgearbeitet hat, im Falle einer Niederlage in Anatolien den Widerstand zu organisieren. Mustafa Kemal hat sich hauptsächlich auf diese Pläne und Vorbereitungen gestützt. Die ersten Organisationen, die den Befreiungskrieg in Anatolien organisierten, wurden von “Ittihad ve Teraki“, also von den beiden Führern Enver Pascha und Talaat Pascha aus Istanbul gegründet. Die gleichen Kader, die in Anatolien den Guerillakampf gegen die Griechen organisiert haben, waren diejenigen, die von den Alliierten wegen Völkermord steckbrieflich gesucht wurden. Viele Personen, die während des Massenmordes wichtige Posten innehatten, tauchten im nationalen Befreiungskrieg und nachher bei Gründung der Republik wieder auf – erneut mit wichtigen Ämtern versehen. Es gibt dafür viele Beispiele. Etwa der erste Außenminister, der Republik. Er war einer von denen, die maßgeblich am Völkermord beteiligt waren. Oder der Parlamentspräsident.

Rolf Hosfeld: Welche Rolle hat Mustafa Kemal selbst gespielt?

Taner Akcam: Während des ganzen Geschehens war er nicht in Ostanatolien tätig. Persönlich hatte er mit dem Völkermord nichts zu tun. Zweitens verhielt er sich streng oppositionell zu Enver, dem damaligen Generalstabschef. Insgesamt hat er jedoch eine ziemlich pragmatische Position eingenommen. Je nach dem hat er entweder den Völkermord verurteilt oder, wie die heutige offizielle Politik es immer noch tut, die Geschehnisse einfach ignoriert oder nicht ernst genommen. Bei der Eröffnungsrede des ersten Parlaments der türkischen Republik, am 24. April 1920, hat Mustafa Kemal in einer nichtöffentlichen Sitzung den Völkermord ausdrücklich kritisiert. Er hat damals eine ganz klare Position dagegen bezogen. Bei Gesprächen mit ausländischen Vertretern während dieser Zeit hat er ausdrücklich den Völkermord verurteilt und schon 1919 eine strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen durch die Alliierten verlangt, die damals Anatolien besetzt hielten. Aber es gab auch den Mustafa Kemal, der bei vielen Gesprächen, besonders mit Vertretern aus Anatolien, behauptet hat, die ausländischen Mächte benutzten die Armenierangelegenheit als Vorwand, um die Türken niederzumachen. Er hat die Taten nicht verleugnet, hat die Schuld aber den Armeniern zugeschoben. Er hatte eine überaus ambivalente Haltung. 1917, als er in Aleppo die deportierten Armenier mit eigenen Augen sah, bezeichnete er die Ittihadisten als Mörder und verurteilte deren grausames Vorgehen. Das Problem war für Mustafa Kemal allerdings nicht der Völkermord an und für sich selbst. Sein Problem war, daß die Alliierten mit dem Argument des Völkermords versuchen könnten, Anatolien aufzuteilen. Für Mustafa Kemal ging es letztlich nur um eins: um die Einheit Anatoliens. Bis 1920, bis zum Vertrag von Sevres, hatten die Kemalisten deshalb auch nichts dagegen, wenn im Gegenzug die Verantwortlichen des Völkermords zur Rechenschaft gezogen würden. Die strafrechtliche Verfolgung der Mörder verstand man damals als Preis für einen unabhängigen türkischen Staat. Man war sogar zeitweilig bereit, Vertreter von “Ittihad ve Terakki” nicht bei den Wahlen zuzulassen.

Rolf Hosfeld: Es hat 1919 und 1920 in Istanbul Prozesse gegeben, bei denen die Hauptverantwortlichen des Völkermords – Enver und Talaat Pascha – zum Tode verurteilt wurden. Allerdings befanden die sich damals schon im sicheren Ausland.

Taner Akcam: Es ist heute kaum noch bekannt, daß die Kernidee von Nürnberg, also internationale Prozesse wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schon 1919 in Paris entstanden ist. Und zwar in Bezug auf den Völkermord an den Armeniern. Nach dem ersten Weltkrieg war für jeden klar, daß Völkermord ein Menschheitsverbrechen war. Die Alliierten haben das schon 1915 in einer gemeinsamen Erklärung angekündigt. Das Wort “Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wurde in dieser Erklärung zum ersten Mal erwähnt. Man erwartete, daß nach dem ersten Weltkrieg sofort entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden sollten. Weil aber das internationale Recht noch nicht sehr entwickelt war und die Alliierten sich
untereinander nicht einig wurden, fand keine internationale Rechtsverfolgung statt. Erstaunlicherweise waren ausgerechnet die Amerikaner dagegen.

Rolf Hosfeld: Die Türkei hat dann selbst eine Art Kriegsverbrechertribunal eingerichtet.

Taner Akcam: Bei den Friedensverhandlungen in Versailles und Sevres wurde davon gesprochen, daß es das Recht der Alliierten sei, Kriegsverbrecher vor einem internationalen Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Dazu ist es nicht gekommen. Nach dem Waffenstillstand haben die Engländer und Franzosen Druck auf die Türkei ausgeübt und deutlich gemacht, daß die osmanische Regierung etwas gegen die Verantwortlichen des Völkermords unternehmen müsse, wenn sie bei den Friedensverhandlungen günstig davonkommen wolle. Das war der
osmanischen Regierung von Anfang an klar. Nach dem Waffenstillstand gab es in Istanbul und in Anatolien eine wache Öffentlichkeit. Daß die Türkei einen Krieg verloren hatte, der Millionen Menschenleben gekostet hatte, daß jetzt Armut im Land herrschte, das beschäftigte die Leute.
Alles das hatte die “Ittihad ve Terakki” zu verantworten. Viele meiner Landsleute wollten damals, daß diejenigen, die den Krieg verursacht hatten, zur Verantwortung gezogen würden. Es gab einige Verhaftungen. Die Hauptdrahtzieher waren allerdings durch deutsche Hilfe geflüchtet.
Aber auch die verhafteten Ittihadisten fühlten sich im Gefängnis noch sicher. Sie glaubten nicht daran, daß man ihnen ernsthaft den Prozeß machen würde. Einem Erlaß des Sultans vom Dezember 1918 gemäß wurde in Istanbul der erste Kriegsgerichtshof gegründet. Die Position der Kemalisten, die vor 1920 noch keine Regierung in Ankara hatten, war, wie gesagt, zwiespältig. Die Istanbuler Regierung jedenfalls war willens, mit den Alliierten zusammenzuarbeiten.

RH: Eines der Ergebnisse dieser Kriegsgerichtsprozesse war, daß eindeutig festgestellt wurde, daß es sich bei dem Völkermord an den Armeniern um ein organisiertes Vorgehen und nicht um spontane Massaker gehandelt hat.

Taner Akcam: Ja. Die Untersuchungskommissionen wurden schon im November 1918 gegründet. Dabei wurden Unmengen von Originaldokumenten beschlagnahmt. Es gab viele Zeugenaussagen. Aufgrund dieser Untersuchungen war es erst möglich, die Prozesse
durchzuführen. Die Prozesse begannen im Januar 1919. Im März 1919 hat man die Besetzung des Gerichtshofs geändert. Er wurde noch strenger. Die Prozesse wurden zunächst gegen die politisch Verantwortlichen geführt. Viele der Hauptverantwortlichen waren ohnehin auf der Flucht, gegen sie hat man die Todesstrafe verhängt. Zweitens gab es Prozesse gegen die konkreten Täter, die persönlich an Morden beteiligt waren. Ich konnte etwa dreißig Protokolle von Prozessen dieser Art ausfindig machen. Der wichtigste Prozeß war der erste vom Februar 1919, der mit Todesurteilen endete. Dieser Prozeß war öffentlich, es wurde in der Presse ausführlich darüber berichtet. Ein Landrat wurde zum Tode verurteilt wegen Beteiligung am Völkermord und am 10. April 1919 öffentlich in Istanbul gehängt. Danach gab es allerdings einen vehementen Stimmungsumschwung in der Türkei, eine regelrechte nationale Welle.

RH: Und damit das Ende des kurzen Versuchs einer Vergangenheitsbewältigung?

Taner Akcam: Ja. Dennoch sind für mich als Historiker heute weniger die Urteile als die detaillierten Belege und Zeugenaussagen, die den Prozessen zugrunde lagen, wichtig. Aufgrund dieser Materialien können wir mit Sicherheit davon sprechen, daß der Völkermord an den Armeniern eine zentral geplante Aktion war.

Rolf Hosfeld: Organisiert von sogenannten Spezialeinheiten, die ähnlich wie später die deutsche SS operierten?

Taner Akcam: Das kann man so sagen. Die Spezialeinheit Teskilat-i Mahsusa war eine Organisation, die direkt von der Regierung gegründet wurde. Diese Organisation hat den Völkermord direkt ausgeübt. Anfangs war sie eine offizielle Armeeinheit beim Generalstab. Das haben die Angeklagten selber zugegeben. Als Verteidigungslinie allerdings, um damit abzustreiten, daß es sich um eine geheim operierende Organisation gehandelt habe. Es wurde in den Prozessen allerdings deutlich, daß das Verteidigungsministerium, das Innenministerium und die Führung der Ittihad-Partei gemeinsam ein Gremium unterhielten, das für die Teskilat verantwortlich war. Die Teskilat-Einheiten waren anfangs noch nicht für den Völkermord gedacht, sondern für die Guerillatätigkeit in Rußland und Persien vorgesehen. Nach den ersten militärischen Niederlagen hat man die Teskilat-Einheiten reorganisiert. Sie wurden ab 1915 direkt der Ittihad-Partei unterstellt. Das war der Beginn des Völkermords. Es gibt türkische Historiker, die daraus schließen, daß der Staat an den Massakern nicht beteiligt war, die das Verbrechen unorganisierten regionalen Banden oder den Machenschaften von Provinzbossen der Ittihad zuschreiben. Diese Argumente laufen darauf hinaus, die Zentrale zu entlasten.

Rolf Hosfeld: Es läßt sich aber nachweisen, daß diese Einheiten unter dem zentralen Befehl einer Kommission innerhalb der Ittihad gestanden haben?

Taner Akcam: Bis 1915, bis kurz vor Anfang des Völkermords, unterstanden diese Einheiten dem Generalstab. Danach ging die Befehlsgewalt auf die Partei über. Das kann man aufgrund der Prozeßdokumente nachweisen.

Rolf Hosfeld: Der US-armenische Historiker Vahakn N. Dadrian spricht von dem Dokument einer Geheimkonferenz, die Ähnlichkeiten zur Wannseekonferenz aufweist.

Taner Akcam: Bei solchen Dokumenten bin ich vorsichtiger als Dadrian. Erstens hatten die Engländer diese Unterlagen damals selbst gehabt und keinen besonderen Wert darauf gelegt. Man war sich über deren Wichtigkeit nicht so sicher. Dadrian sagt selbst, daß das Protokoll, auf das er sich bezieht, von einem Türken verfaßt wurde, der sich freikaufen wollte. Deshalb bin ich da vorsichtig. Die Konferenz soll im Dezember 1914 stattgefunden haben. Es gibt aber sonst keine Hinweise darauf, daß es schon zu dieser Zeit konkrete Pläne für einen Völkermord gegeben hat.

Rolf Hosfeld: Aber Sie sagen doch selbst, daß es sie gegeben hat.

Taner Akcam: Was man nachweisen kann, ist, daß das Osmanische Reich unter anderem deshalb in den Krieg eingetreten ist, um die “armenische Frage“ zu lösen. Aber in welcher Form das stattfinden sollte, war nicht von Anfang an klar. Für mich ist die Niederlage im Januar 1915 wichtig.

Rolf Hosfeld: Die mißlungene Expedition von Enver Pascha in den Transkaukasus [4] mit dem Ziel, Aserbaidschan und die östlichen Turkvölker an das osmanische Reich anzugliedern?

Taner Akcam: Ja. Meine Hypothese ist folgende: 1914 hat Rußland dem Osmanischen Reich ein Abkommen über die sogenannten armenischen Reformen oktroyiert. Danach sollten zwei ausländische Gouverneure in Ostanatolien – in den Siedlungsgebieten der Armenier – eingesetzt werden. Eine solche Lösung war den Osmanen von den Balkanländern her bekannt. Jeder wußte, wenn man diesen Plan realisiert hätte, hätte das einen unabhängigen armenischen Staat bedeutet. Durch den Kriegseintritt der Osmanen wurde das verhindert. Im März 1915, nach Envers katastrophaler Niederlage und nach dem Einmarsch der Russen in Teilen von Ostanatolien, wurde zum ersten Mal konkret über Pläne zum Völkermord gesprochen. Alles andere, sagten sich die Ittihad-Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt, hätte einen unabhängigen armenischen Staat bedeutet. Jetzt wollte man die Armenier aus der Region beseitigen. Nachdem man in den Balkankriegen große Territorien, auf denen Christen lebten, verloren hatte, wollte man dieser Entwicklung in Anatolien zuvorkommen. Vor dem ersten Weltkrieg gab es in Westanatolien bereits ethnische Säuberungen unter etwa einer Million Griechen, aber nicht in der brutalen Weise wie bei dem Völkermord an den Armeniern. Es gab Deportationen, es gab Überfälle, es gab Massaker, aber keinen Völkermord. Griechenland als Staat existierte bereits und konnte die Deportierten aufnehmen. Daß die Homogenisierung von Gesamtanatolien zum Völkermord führte, dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens der Weltkrieg selbst. Der Krieg schafft Möglichkeiten. Zweitens aber gab es keinen Staat, wo man die Armenier hätte hinschicken können.

Rolf Hosfeld: Zum engeren Kreis der für den Völkermord verantwortlichen Ittihadisten gab es auffällig viele Mediziner. Ganz im medizinischen Vokabular wurde es üblich, über die Armenier als “Mikroben“ zu sprechen.

Taner Akcam: In Trabzon gab es einen Prozeß, in dem Zeugen ausgesagt haben, daß dort im Krankenhaus medizinische Experimente an Armeniern ausgeübt wurden, daß sie sogar durch Injektionen oder auf ähnliche Weise ermordet wurden. Es war sogar von Gaskammern die Rede. Letztlich hat man das aber im Prozeß nicht nachweisen können. Was die Rolle einzelner Ärzte anbetrifft, beispielsweise Dr. Mehmet Nazim oder Dr. Baehaddin Schakir, die eine führende Rolle bei den Vernichtungspläne der Ittihad spielten, hat das mit ihrem Beruf nichts zu tun.

Rolf Hosfeld: Trotzdem: Die Vernichtungspolitiker redeten – wie später in Deutschland – auch in der Türkei so, als handle es sich beim Völkermord um medizinische Hygienemaßnahmen.

Taner Akcam: Man muß aufpassen, daß man da nicht aus den Erfahrungen mit den Nazis vorschnelle Rückschlüsse zieht. Bei Nazim oder Schakir ist eher der panturanistische, pantürkische Sprachstil vorherrschend, nicht der medizinische.

Rolf Hosfeld: Auch nicht, wenn von Armeniern als Mikroben die Rede ist?

Taner Akcam: Ja, aber so reden nicht nur die Ärzte. Auch Staatsmänner, die die Armenier als Tumore, als krebsartige Geschwüre bezeichneten, die man wegschneiden muß. Zum Beispiel einer der Gründer von Teskilat redete so. Aber er war kein Arzt.

Rolf Hosfeld: Der Völkermord wird in der Türkei immer noch verleugnet.

Taner Akcam: Die Gründer der Republik sind unsere Märtyrer, unsere Helden. Das geht politisch von links bis rechts. Eine Diskussion zu eröffnen, in der wir unser eigenes Selbstbild zerstören, wird nicht leicht sein. Es ist nicht einfach, seine eigenen Helden, seine Märtyrer, als Mörder zu bezeichnen. Deshalb ist die offizielle Linie: Weiterhin tabuisieren, weiterhin verdrängen. Das wird so bleiben. Wenn überhaupt, dann würde man die ganzen Machenschaften den Osmanen zuweisen und versuchen, die türkische Republik davon freizuhalten. Aber das ist nicht so leicht machbar. In Deutschland war die Auseinandersetzung mit der Nazizeit deshalb möglich, weil die Alliierten daran ein großes Interesse hatten und weil sie das Land besetzt hielten und sich auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt hatten. In der Türkei hatten die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg zu viele Sonderinteressen. Am wichtigsten war ihnen die Aufteilung Anatoliens, nicht der Völkermord. Heute besteht das Problem darin, daß man sich Gedanken darüber machen muß, diese Diskussion nachzuholen, ohne erneut destruktive Kräfte in der Gesellschaft zu mobilisieren. Wenn man jemandem seine Identität zerstört, können die Reaktionen darauf gewaltsam oder gefährlich werden. Man muß positive Antworten finden.

Rolf Hosfeld: Heute hat sich die internationale Situation verändert. Seit einigen Jahren ist die Republik Armenien ein selbständiger Staat, der an die Türkei grenzt, und zu dem die Türkei als Staat ein Verhältnis entwickeln muß. Außerdem: die Türkei möchte gern in die Europäische Union aufgenommen werden. Eine Resolution des Europäischen Parlaments von 1987 verlangt dazu aber die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern.

Taner Akcam: Theoretisch besteht für die Türkei eine große historische Chance. Aufgrund der neuen Situation im Nahen Osten könnte die Türkei über sich selbst, über ihre Nachbarn, über ihre Rolle in der Region neu nachdenken und ihre Rolle neu definieren. Wenn ein Land eine völlige wirtschaftliche und politische Integration mit Europa anstrebt, muß es die Möglichkeiten, die daraus entstehen, nutzen. Nämlich, indem man anfängt, mit dem Staat Armenien freundschaftliche Beziehungen zu entwickeln und sich zu der historischen Tatsache des Völkermords bekennt. In der Resolution des Europaparlaments ist von keinen Bedingungen die Rede, von Wiedergutmachungsansprüchen etwa. Es wird nur ein moralisches Bekenntnis verlangt. Wenn die Türkei diese Kraft hat, wäre das für den Integrationsprozeß und für den innertürkischen Demokratisierungsprozeß von allerhöchster Bedeutung. Wir müssen erkennen, daß wir mit dieser Frage nicht mehr so umgehen können, wie wir das bisher gemacht haben. Der Staat Armenien existiert. Das ist eine völlig neue Situation. Sie ist nur mit der Gründung des Staates Israel vergleichbar.


[1] Eine gekürzte Fassung dieses Interviews erschien unter dem Titel „Die Lebenslüge der türkischen Republik“ in: Freitag, 11.10.1996
[2] Taner Akcam: Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler Prozesse und die türkische Nationalbewegung. 430 Seiten. Hamburg: Hamburger Edition 1996. Das Interview fand kurz vor der Veröffentlichung seines Buchs in Hamburg statt.
[3] “Ittihat ve Terakki”, die sogenannten Jungtürken, kamen 1908 an die Macht. Mit dem deutschen Reich im Ersten Weltkrieg verbündet, organisierte diese Partei ab 1915 einen Völkermord an den osmanischen Armeniern, dem 1 bis 1,5 Millionen zum Opfer fielen. Hauptorganisator des Völkermords war der Innenminister Talaat Pascha, der auf Paul von Hindenburg den “Eindruck eines genialen Staatsmanns” machte. Talaat wurde am 15. März 1921 auf der Berliner Hardenbergstraße von dem armenischen Studenten Soghomon Tehlerjan erschossen. In einem aufsehenerregenden Prozeß sprach das Berliner Landgericht den Studenten frei.
[4] Der Eroberungsfeldzug des Generalstabschefs Enver in den Kaukasus endete Januar 1915 mit einem Desaster.In wenigen Wochen starben dabei fast 100.000 türkische Soldaten. Die Propaganda versuchte, dieses Fiasko mittels einer türkischen Dolchstoßlegende den Armeniern in die Schuhe zu schieben.

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