ARD-Erklärung

Erklärung vom ARD-Vorsitzenden Peter Boudgoust zu den Propaganda-Vorwürfen der türkischen Bevölkerung, Gemeinden und Organisationen bezüglich der Dokumentation »AGHET – Ein Völkermord«. 

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für Ihr Schreiben zur Sendung »AGHET – Ein Völkermord« im Ersten Deutschen Fernsehen.

Mit Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass nach Ihrem Eindruck die Verwendung des Begriffes »Völkermord« bei unseren türkischen Mitbürgern in Deutschland Entrüstung ausgelöst habe. Diese Meinung wird jedoch keineswegs von allen Türken  geteilt, wie die Solidaritätsdemonstration von mehr als 200.000 Menschen in Istanbul nach der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink 2007 besonders eindrucksvoll gezeigt hat. Nach der Ausstrahlung von »AGHET« haben die ARD zahlreiche E-Mails – auch von Deutschen türkischer Herkunft – erreicht, die den Film für wichtig und notwendig halten.

Die internationale Geschichtswissenschaft sieht den Genozid an den Armeniern als erwiesen an. Dieser Völkermord und der Holocaust am jüdischen Volk führten zur Entwicklung der »Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes« (Anti-Genozid-Konvention der UN), die am 9. Dezember 1948 als Resolution 260 A(III) beschlossen wurde. Der Völkermord an den Armeniern wurde  somit nicht nur von der UN geächtet, sondern völkerrechtlich als Verbrechen eingestuft.

Der Begriff  »Genozid« ist von dem Juristen Raphael Lemkin, der die Anti-Genozid-Konvention als Berater der UN maßgeblich verfasst hat, unter dem Eindruck der Vernichtung der Armenier im Ersten Weltkrieg und der Juden im Zweiten Weltkrieg überhaupt erst geprägt worden wie wir in dem Film »AGHET« zeigen.

Eine historische, politische und juristische Analyse, die die Ereignisse im Osmanischen Reich klar als Völkermord klassifiziert, liegt somit bereits seit langem vor. Sie ist in das Völkerstrafrecht und die internationale Rechtsprechung zur Genozid-Konvention eingegangen. Wie von Ihnen in Ihrem Schreiben für die Zukunft gefordert, haben wir bereits in der genannten Dokumentation die unterschiedlichsten Positionen objektiv protokolliert.

Die offizielle türkische Einschätzung der Geschehnisse wird in »AGHET« eingehend dargestellt, unter anderem in den dort gezeigten Ausführungen hochrangiger  türkischer Politiker wie die des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan oder die des stellvertretenden Ministerpräsidenten Cemil Cicek. Die Äußerungen dieser Politiker basieren klar auf der amtlichen türkischen Beurteilung der historischen Ereignisse wie z. B. auf der des Instituts für Strategische Fragen in Ankara.

»AGHET – Ein Völkermord« dokumentiert sorgfältig recherchiert ein Verbrechen, das vor 95 Jahren von den Machthabern des damaligen Jungtürkischen  Regimes im Osmanischen Reich organisiert und durchgeführt wurde. Die Aktenlage diesbezüglich ist unbezweifelbar, die Echtheit der verwendeten Dokumente ist eindeutig. Ihre Authentizität wird auch vom TGD-Vorsitzenden, Herrn Kenan Kolat, auf der türkisch-sprachigen Webseite der TGD bestätigt.

Diese Dokumente stammen unter anderem aus dem Politischen Archiv des  Auswärtigen Amtes, den amerikanischen National Archives, der Library of Congress sowie aus Archiven in Frankreich, Dänemark, Schweden, Armenien, Russland und der Türkei. Leider sind die militärischen Archive in der Türkei noch immer nicht öffentlich zugänglich.

Darüber hinaus ist die Türkei seit mehr als zehn Jahren im Besitz der Mikrofilme der deutschen, diplomatischen Original-Dokumente aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, die jedoch noch nicht ins Türkische   übersetzt wurden. Somit bleiben sie der türkischen Geschichtswissenschaft, den türkischen Historikern und der breiten türkischen Öffentlichkeit immer noch unzugänglich. Bis heute gibt es auf dieses umfangreiche deutsche Beweismaterial keine Reaktion aus der Türkei.

Die Dokumentation »AGHET« thematisiert  auch die Mitschuld des Deutschen Reiches, damals Verbündeter des Osmanischen Reiches und liefert eine differenzierte Darstellung des Verhaltens der türkischen Bevölkerung während des Genozids. Wiederholt wird unterstrichen, dass das türkische Volk in seiner Gesamtheit keinesfalls für den Genozid verantwortlich gemacht werden darf. Die Dokumentation weist nachdrücklich auf zahlreiche Türken hin (Beamte, Bürgermeister, Landräte und viele mehr), die sich den Anweisungen der Regierung zur Vernichtung der Armenier widersetzten, aber in der Türkei weitestgehend unbekannt geblieben sind. Der Film hebt ihre Zivilcourage und ihren Mut bei ihrem Versuch hervor, armenische Mitbürger vor Deportation und Tod zu retten.

So vermittelt »AGHET« ein durchaus ausgewogenes Bild der historischen, aber auch  der aktuellen Debatte von internationaler und türkischer Seite: vom ehemaligen  türkischen Botschafter in Deutschland und bei der UN, Herrn Volkan Vural, der die Türkei auffordert, sich aufgrund der Fakten, aufgrund der Geschichte zu entschuldigen, bis hin zu US-Präsident Barack Obama, der als Senator bereits 2007 den Genozid an den Armeniern als Tatsache anerkannt hat. Auch der Standpunkt eines deutschen Politikers mit türkischen Wurzeln wurde durch das Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Partei Bündnis 90/Die Grünen, Herrn Cem Özdemir, berücksichtigt.

Die ARD und der NDR sind verpflichtet, in ihren Sendungen einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, bundesweite sowie länder- und regionsbezogene Geschehen in alle wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Diesem Auftrag sind wir auch mit der Dokumentation »AGHET – Ein Völkermord« nachgekommen.

Mit freundlichen Grüßen
Peter Boudgoust

ARD-Vorsitzender
SÜDWESTRUNDFUNK
70190 Stuttgart